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Betriebsstörung im ZKW Otterbein am 02.07.08
Fachliche Bewertung durch den BUND-Sachbeistand weicht von Otterbein-Darstellung ab
Der BUND, Ortsgruppe Großenlüder/Bad Salzschlirf und die Bürgerinitiative Pro Lebensraum Großenlüder e.V. möchten anlässlich der aktuellen Betriebsstörung eine Bewertung der bislang bekanntgegebenen Informationen mitteilen und auch einen Beitrag leisten, künftig einen störungsfreieren Anlagenbetrieb zu erreichen.
Der Sachbeistand des BUND hat die Erklärung der Zementwerke Otterbein gegenüber der Presse, die bereits im Erörterungstermin am 02.07. gegebenen Erläuterungen und weitere Informationen geprüft und sich bemüht, eine objektive Bewertung der aktuellen Betriebsstörung vorzunehmen und Maßnahmen zur Vermeidung ähnlicher Betriebsstörungen für die Zukunft weitestgehend zu vermeiden.
Die Erläuterung dazu, welche Schadstoffe respektive welches Material zusammen mit der Staubwolke ausgetreten sind, die gegenüber der Presse seitens des Betreibers mitgeteilt wurde, ist unplausibel. Auch die Angabe des Betreibers ZKW Otterbein, es habe keine Umweltgefährdung gegeben, ist zunächst einmal ohne Messungen an der Austrittsstelle kritisch zu hinterfragen. In Kenntnis der Anlagentechnik und des Betriebsablaufschemas der Anlage können zweifelsfrei folgende Feststellungen getroffen werden:
Nachdem die Gewebefilteranlage wegen des Ausfalls des Saugzugventilators blockiert war, suchte sich der Überdruck des Abgases eine undichte Stelle am Wärmetauscherturm als Weg des geringsten Widerstands als Austrittsstelle. Nachdem zuvor pressewirksam der Bypass respektive Notkamin an der Spitze des Wärmetauscherturms zugeschweisst worden war, gab es kein reguläres Überduckventil zum Schutz der Gewebefilteranlage bei Überdruck. Es ist nur einem Zufall zu verdanken, dass die Gewebefilteranlage durch die Betriebsstörung nicht beschädigt oder zerstört wurde.
Wie betreiberseitig zutreffenderweise im Erörterungstermin technisch erläutert wurde, durchströmt das Ofenabgas im Gegenstrom mit dem Rohmaterial, das dabei getrocknet, vorgeheizt und teilweise bereits entsäuert wird, den Wärmetauscherturm mit den Zyklonvorwärmerstufen.
Dass die Messeinrichtungen am Kamin während der Betriebsstörung keine Überschreitung angezeigt haben, ist völlig logisch, da das Abgas während der Betriebsstörung nicht am Kamin, sondern durch Undichtigkeiten des Wärmetauscherturms ausgetreten ist. An der Austrittsstelle am Wärmetauscherturm gibt es keine Abgasmesseinrichtung. Folgerichtig kann über das Ausmaß der Umweltgefährdung messtechnisch keine Aussage getroffen werden und die betreiberseitige Angabe hierzu ist unplausibel.
Der Austritt von Abgas und Staub im oberen Drittel des Wärmetauscherturms kann bei der Angabe einer Dauer von drei Minuten Dauer der Betriebsstörung durchaus quantifiziert werden.
Da die stündliche Abgasmenge im Regelbetrieb ca. 60.000 Nm3 trockenes Abgas beträgt, sind während der Betriebsstörung innerhalb von drei Minuten ca. 3.000 Nm3 Abgas am Wärmetauscherturm ausgetreten.
Der eigentliche Betrieb des Drehrohrofens war während der Betriebsstörung der Abgasreinigung nicht gestört. Die betreiberseitig veröffentlichten Betriebswerte des ZKW zugrundegelegt, sind dabei ca. 1,35 kg Stickoxide und weitere Abgasbestandteile wie Kohlenmonoxid, organischer Kohlenstoff, Schwefeldioxid und Schwermetalle, die auch im Regelbetrieb emittiert werden, am Wärmetauscherturm ausgetreten. Neben dem als Staub ausgetretenen Rohmaterial ist auch der Staub aus der Verbrennungsanlage ausgetreten, der sonst vom Gewebefilter zurückgehalten wird.
Soweit die Ausführungen zu der über die Fuldaer Zeitung veröffentlichte Darstellung durch die Firma Otterbein, am 04.07.2008 erhielt die BI dann ein Schreiben von der Firma, das auch an den Gemeindevorstand adressiert ist. Hier wird zusätzlich der Ausfall des Saugzugventilators am Wärmetauscher eingeräumt, geringfügig zeitverzögert nach dem Ausfall des Saugzugs am Gewebefilter. Es wird nun von drei bis vier Minuten Dauer der Betriebsstörung gesprochen, die Anlage sei durch eine Verriegelungskette nach Ausfall des Saugzugs am Wärmetauscher weitgehend selbständig herunter gefahren worden. Die Firma Otterbein gibt nun an, dass es im Bereich der Ofeneinlaufdichtung und vor allem im Bereich Trockentrommeleinlauf zu kurzfristigem starkem Staubaustritt gekommen sei, von einer Menge von 30 bis 40 kg ist die Rede.
Dass, wie Anwohner berichteten, Atembeschwerden mit Kratzen und Brennen der oberen Atemwege auftraten, kann möglicherweise die Ursache haben, dass bei der Betriebsstörung nicht reagiertes Reduktionsmittel der SNCR-Anlage (Harnstofflösung) ausgetreten ist. Die Harnstofflösung wird in den Abgasweg zwischen Drehrohrofen und Wärmetauscher eingedüst. Durch die geänderten Temperatur- und Druckverhältnisse zum Zeitpunkt der Betriebsstörung ist anzunehmen, dass auch dort Veränderungen auftraten. Die Reaktion zur Entstickung funktioniert nur in einem engen Temperaturfenster von 850°C bis 1050°C bei einer SNCR-Anlage. Oberhalb verbrennt Harnstoff zu Stickoxiden, beispielsweise Lachgas, unterhalb gelangt unreagierter Harnstoff in den Abgasweg. Dies könnte ursächlich die Atemwegsbeschwerden hervorgerufen haben.
BUND und BI nehmen die Betriebsstörung ernst, möchten aber keine unnötigen Ängste schüren. Es soll ein Beitrag geleistet werden, Betriebsstörungen künftig so weit wie möglich zu vermeiden.
Durch die aktuelle Betriebsstörung und die jetzt von der Firma Otterbein gelieferte Erklärung wurde deutlich, dass es bei der Anlagensicherheit und der Anlagensteuerung Defizite gibt. Die Betriebsstörung wurde von den technischen und elektronischen Einrichtungen der Anlage nicht registriert.
Den Ausfall des Saugzugventilators für das Gewebefilter hätte eine unabhängige, mit einer entsprechenden Anlagensteuerung versehene Stromversorgung problemlos kompensiert und es wäre zu keiner Betriebsstörung durch Netzschwankungen gekommen. Schwankungen des Stromnetztes sind normale, vorhersehbare und einplanbare Ereignisse. Für gewerbliche und industrielle Anlagen gibt es für diese Fälle bewährte Schutztechniken.
Eine unabhängige Stromversorgung (USV) ist Stand der Technik und ist bei jeder Verbrennungsanlage und bei Anlagen, bei denen entscheidende Aggregate abhängig von elektrischer Stromversorgung betrieben werden, erforderlich.
In den Antragsunterlagen fehlte ein Plan der Prozess- und Betriebssteuerung des Zementwerks. Aus den eingereichten Antragsunterlagen war diese technische Unzulänglichkeit der Anlagensteuerung, Stromversorgung und Betriebselektronik daher nicht erkennbar. Der Vorfall zeigt, wie wesentlich vollständige und prüffähige Antragsunterlagen sind.
BUND und die Bürgerinitiative werden anlässlich der aktuellen Betriebsstörung im Interesse der betroffenen Bevölkerung entsprechende Anträge zur Anlagensicherheit und zum Arbeitsschutz und Immissionsschutz in Ergänzung zu der Vielzahl bereits eingereichter Anträge bei der Genehmigungsbehörde in Kassel einreichen.
Bereits im Erörterungstermin selbst haben BUND und BI auf die Betriebsstörung und den undichten Wärmetauscherturm reagiert und eine Sanierung der betroffenen Anlagenteile als unabdingbare Genehmigungsvoraussetzung beantragt. Die rechtliche Grundlage für diesen Antrag ergibt sich aus der Betriebssicherheitsverordnung, dem Gerätesicherheitsgesetz und den immissionsschutzrechtlichen Vorschriften.
Der zuständige Bearbeiter für Immissionsschutz und Anlagenüberwachung beim RP Kassel, Herr Augustin, ist bereits während des Erörterungstermins auf den Sachbeistand des BUND, Herrn Gödeke, herangetreten und hat Gesprächsbereitschaft zur Kooperation bei der Ursachenermittlung von Gerüchen und Staubbelästigungen signalisiert.
Der BUND ist auch gegenüber dem Betreiber ZKW Otterbein zu konstruktiven Gesprächen über die Verbesserung der Situation bereit. Die Firma Otterbein hat ja auch vor der letzten Informationsveranstaltung von BUND und Bürgerinitiative gegenüber der Presse Gesprächsbereitschaft bekundet.
Dass Herr Bomba, technischer Leiter bei der Firma Otterbein, stellvertretend für den Betrieb, in der Veranstaltung die fachliche Diskussion gesucht hat, war ein erster und wichtiger Schritt, der auch als positives Signal angekommen ist.
Dass die Diskussion nicht sofort Konsens und gemeinsame Positionen erbracht hat, ist wohl auch der Situation geschuldet, die jahrelang in Großenlüder bestand. Aber ein Anfang wurde gemacht und was zählt, sind Gegenwart und Zukunft.
Der BUND erneuert anlässlich der aktuellen Betriebsstörung die Gesprächsbereitschaft mit der Firma Otterbein. Wie der Referent des BUND bereits in der Informationsveranstaltung mitgeteilt hat, sollen Gespräche aber auch praktische Ergebnisse zur Verbesserung zeitigen.

Aktualisiert 09.07.08
  
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